ultracrass

 

Wir sind die Guten

 

Er sah aus dem Fenster ihres Holzhauses auf den See hinaus. Es war Nachmittag, die Sonne schien von den hinter dem Haus liegenden Hügeln hinab auf das Wasser, den Teppich aus Bäumen und versprach, obwohl noch sehr stark, schon jetzt einen der lauen und verträumten Sommerabende, die man im Winter so sehr herbeisehnt. Sein Freund, sein bester und letzter Freund hantierte mit allerlei Werkzeug weiter unten an der kleinen Anlegestelle mit dem Steg herum, wo das kleine Boot festgemacht war, das zu dem gemieteten Ferienhaus gehörte. Sie beide hatten nun endlich den einen Traum wahr gemacht, dem sie so lange hinterher gelaufen waren. Einen jener Art, für den in den letzten Lebenstagen keine Zeit mehr ist. Sie hatten es in der Tat geschafft und waren zu zweit, ohne Frauen und Kinder, so alleine wie sie sich einst kennen und lieben gelernt hatten, nach Norden gefahren, hatten sich ein viel zu großes und viel zu teures Wohnmobil und dieses Haus mit Boot gemietet. Vieles, vielleicht alles, was sie sich erträumt hatten, war zermalmt worden von der Verantwortung des Alters, von der Borniertheit der Frauen, vom eigenen Versagen. Vom Schwätzen in geselliger Runde, von der Gewöhnung an gesichertes Einkommen, von der Angst vor der Wahrheit, nämlich dass man die Schwüre der Jugend längst verraten hatte. Aber beide hofften unausgesprochen zwischen ihnen auf das Geschenk der Wiederholung, das wie beide ahnten, nie kommen würde, aber sich das einzugestehen sich beide weigerten. Denn das hieße Kapitulation. Und die lernt man erst kurz vor dem Ende. Wenn, dann hätte man immer selbst noch das letzte Wort. Als Mann.
Sieben Tage waren sie bereits hier, davon erst fünf im Haus. Es lag ziemlich abseits der nächsten Behausungen. Nach der Übernahme des Wohnmobils waren sie extra langsam und mit vielen Stopps in Richtung des Hauses aufgebrochen. Schneller als erwartet lösten sie sich auf in einem freien Tagesablauf, der von den sinnfreien Beschäftigungen, die das Leben der modernen Welt vorzuschreiben scheint, komplett befreit war. Sie machten für Männer Ende vierzig zu kindische Sachen, über die man im Kino als zu kitschig lästert, die man dann aber selbst doch eben auch tut. Sie tranken zu viel und immer zu schnell. Sie hatten die Zeit, die sie sich so lange erträumt hatten und waren geheimnisvoll, doch getrieben.
Die Ankunft dann im Haus wurde ein Fest des Schweigens, das keine Frau je ergründen wird. Es wurde Nuance für Nuance dekliniert. Gefühle wurden zu Stimmungen und Ideen. Gesprochen wurde ohne Gras oder Alkohol fast nie. Der Tagesablauf war nur einer Instanz geweiht. Der Freiheit. Wer Hunger hatte, ging fischen, wer schlafen wollte, schlief. Hatte man einen wertvollen Gedanken gefangen, wurde dieser abends in einem würdigen Rahmen auf Gültigkeit überprüft. War das geklärt, wurde weiter am Leben erhalten. Man suchte sich seine Arbeiten. Niemals kamen die beiden sich auch nur zufällig in die Quere. Alles lief nach einem klaren Plan. Schien es vorerst von außen, jeder würde eine recht sinnvolle Aufgabe für sich alleine erledigen, erwuchs sobald die Dämmerung schon zu kuscheln begann wie von Zauberhand aus dem ganzen fließenden Treiben ganz allmählich immer ein tatsächlich sichtbarer Erfolg, zusammengesetzt aus kleinen Einzelteilen. Der Tag machte Sinn und schuf einen Grund, am Abend sein Leben und die Welt zu lieben, sich auf die morgigen Aufgaben zu freuen.
Dann saßen sie unten am Steg beim Feuer, oder auf der kleinen Veranda mit dem grünen Tisch und den gelben Stühlen, und redeten über ihr erstes Leben. Das, welches ohne Sorgen daherkommt, das nur leichtes Abenteuer ist, weil im Tornister die widerliche Last der Erfahrung noch fehlt. Und natürlich kamen ihre Frauengeschichten vor und sie wurden dann immer neu sentimental. Sie versuchten mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Kräften die alten Zeiten an alten Seilen herbei zu zerren. Und beide kämpften hart und wussten um das Ergebnis. Aber sie kämpften wenigstens, dachten sie mit ihren Blicken. Es hatte früher keine Instanz gegeben, für die man hätte Verantwortung übernehmen wollen oder müssen. Oder dürfen. Selbst auf das Wohl seines eigenen Lebens wurden Beträge gesetzt. Die Zeit, in der man spürt, dass noch unendlich viele Dinge zu entdecken sind, und im Laufe dieser Zeit sich die Erkenntnis mehrt, und dazu noch die staubige Erfahrung kommt und man der Endlichkeit immer näher kommt, ohne es zu wissen.

Sein Freund war indes in das Boot gestiegen und fuhr mit schwacher Kraft und tuckernd wie einst Huck hinaus auf den See, das anfangs kleine V von sich weg immer größer werdend. Er würde sicher zu dieser ominösen Stelle fahren, deren Besuch nur ihm alleine gestattet war. Eine Begründung hatte es dafür nie gegeben. Es war nicht mal ganz klar, was er dort überhaupt trieb. Er hatte zwar immer seine Angeln dabei, war allerdings noch nie und kein einziges Mal mit einem Fisch zurück gekommen. Aber das alles war ja auch vollkommen unwichtig.
Während er kitschig aus dem Fenster über der Veranda auf sein kurzes Paradies schaute, verspürte er einen Hungergruß und beschloss im Moment, sich etwas zu Essen zu machen. Frischen Fisch würde es heute wohl nicht geben. Er besah die Speisekammer, die sich dafür, daß zwei Männer alleine für deren Organisation und Vollständigkeit verantwortlich zeichneten, in einem perfekten Zustand befand. Bier, Bohnen, Speck in Reserve. Schnaps, sowohl für Zwischendurch, als auch zum Captain's Dinner nach dem Abendessen auf der Veranda mit den grünen und gelben Möbeln. Also auch Wasser und Alibi-Obst und Ballaststoffe und fettarme H-Milch und all solche Dinge, die nicht für Männer sind. Er entschied sich für drei Büchsbier, um sich das Laufen zu sparen, dazu Chips und Bohnen, und weil sein Gewissen ihn plagte, legte er noch zwei getrocknete Datteln dazu. Er setzte sich draußen hin und schickte ein sehr zufriedenes Lachen in den bunten Wald.

Die kleine Wolke, die man ab und an hinter dem ersten und ganz kurz vor dem zweiten Hügel weiter nördlich von ihrem Haus sehen konnte, sobald ein Auto dort fuhr und wenn der Kies der Straße trocken genug war und wenn man zufällig hinsah war ihm indes vorher trotz seiner träumerischen Laune nicht entgangenen und während er seine Bohnen aß wurde er den Eindruck nicht los, ein Auto wäre auf dem Weg zu ihrem Haus.
Bevor er aufstand, um dem oder den Besuchern im Stehen zu begegnen, um wie er es nennen würde, eine Brise Martial Art zu fahren, nahm er zur Sicherheit noch einen gewaltigen Schluck von dem eiskalten Bier und stieß einen unglaublich langen, lauten und widerlichen Rülpser aus. Gerne hätte er jetzt wie die Helden der Western wenigstens Hosenträger an, oder zumindest Stiefel. Er sah auf seine Birkenstock herunter und fragte sich drängender, wer in Gottes Namen die beiden hier in ihrer Heiligkeit zu stören wagen würde. Schnell war die Angst vor den eigenen Frauen gebannt. Die waren selbst um jeden Tag alleine froh und außerdem wären diese geilen Schotterwege, auf denen man ohne Cops stundenlang driften üben konnte so anstrengend zu fahren. Irgendetwas illegales hatten sie nicht angestellt, zumindest einer von ihnen hätte sich daran erinnert. Der weiße Geländewagen war nun deutlich zu erkennen und kam näher wie die Spinne genau dahin, wo man sie am wenigsten will.
Er vernahm den Wunsch, die Zukunft weg zu drücken, währenddessen das Auto darauf drängte, das Dasein anzuschieben. Seine Verwunderung hätte nie grösser sein können, als in dem Moment, als er erkannte, wer die beiden mit seinem Besuch belästigte. Es war Dr. Bowers, für dei beiden mittlerweile Sarah. Sie lenkte das Automobil in einer schon geradezu sexy Art und Weise von der Straße weg unter die vollen braunen Bäume. Der Motor ging aus und während ein paar Augenblicken kramte Sarah ihre obligatorischen Frauensachen in eine obligatorische Handtasche. Sicher hatte sie schwarze Unterwäsche an.
Er konnte sich keinen einzigen Grund denken, der erklären konnte, warum sie hier herkommen sollte und der einer nicht irren Relevanz geschuldet gewesen sein könnte. Noch auf der Suche nach einer Taktik, wie er sie begrüßen sollte, entstieg sie bereits dem Auto und kam mit wippenden Brüsten auf ihn zu. Ihre Mode, die immer genau ihre Stimmung und Darstellung als begehrenswerte Frau vervollkommnete, haute ihn immer um. Sie umarmten sich den einen Moment zu lange für eine reine Freundschaft und küssten sich nicht. Er wollte ihr irgendetwas abnehmen, als ihm erst klar wurde, dass sie nichts mehr als ihre obligatorische Handtasche bei sich trug.

Er hasste Überraschungen. Das war nicht immer so gewesen. Früher hatte er Überraschungen geliebt, am besten bei jeder Gelegenheit, bei sich selbst oder bei Anderen. Er träumte sogar davon, einmal die Fähigkeit zu erlangen, sich selbst überraschen zu können. Aber eine zeit lang nun schon war das Geschichte und diese ganze Sache hier war definitiv so etwas wie die Mutter aller nachfolgenden Überraschungen. Ihm gefiel ihr Besuch schon jetzt in keinster Weise. Es musste wieder etwas mächtig aus der Reihe tanzen, das war klar. Er beruhigte sich aber ein wenig, als er sich klar machte, dass sie die schlimmste aller Überraschungen bereits durchlebt hatten.
Aus irgendeinem Grund war die Stimmung angenehm lässig. Seine ersten Probewitzchen griffen gut und das Gespräch nahm Fahrt auf. Sie war unglaublich hungrig, wie sie sagte und sammelte Big Points, indem sie mit Inbrunst auf Bohnen und Bier beharrte. Das Licht begann sich zu ändern und den Lebewesen anzukündigen, dass die Zeit der Ruhe kommen würde. Die Geräusche nahmen ab und die Seelen erwachten aus schwarzen Steinen. "Du bist sicher aus einem wichtigen Grund hier, Du riskierst schließlich dein Leben, uns hier zu unterbrechen in unserer Kontemplation. Mit Männern tut man sowas nicht. Also denke ich, wir sollten keine Zeit vergeuden, es ist wohl was wichtiges." Er wusste auf einmal nicht, ob er das witzig oder ernst gemeint hatte und lächelte sie an wie ein dummer Hund. Sie sagte nichts und sah auf den See hinaus. Der Schub der Ankunft und des Wiedersehens wich der Pflicht des Berichtens. Vom Boot war nichts mehr zu sehen. Kein V mehr. Sie griff sich seine zweite Dose und ließ es zischen. Mit ursprünglicher Eleganz, wie sie nur wenige Frauen im Repertoire haben, trank sie ihre nächsten Schlucke. Die Sonne beleuchtete ihre makellosen, glatten Haare im genau richtigen Winkel und Licht. Ihre Haut schien orange. Im Moment war er sprachlos, weil sie die Situation alleine mit ihrer Anwesenheit in einer napoleonischen Weise vollkommen bestimmte. Es ging eine Macht von ihr aus. Manche Menschen haben so etwas.
Die drei kannten sich nun seit gut neun Monaten. Sie hatten während dieser Zeit Dinge durchlebt, die ihnen alles wie neun Jahre erscheinen ließen. Als alles begann, dachte er oft daran, er könne überflüssig sein, alles gut gemeinte könne als Gott weiß was ausgelegt werden können. So viele Fallen auf dem Weg der Suche. Alles war ja im Grunde so unbeschreiblich einfach und klar, und am nächsten Tag war das Leben eine nie endende Quelle von Fragen und so schmerzlichen Quälereien. Es wurde so schwer, einen normalen Tag zu durchleben. Das Schicksal verteilt die Rollen willkürlich, nicht nach Talent.
Er ließ sich gerne Zeit beim Drehen. Für ihn bedeutete Zeit für sich die absolute Grundlage des Menschseins. Nur mit der unvermeidbaren und unbedingten Anerkennung der Zeit, also unter Zeitdruck, findet ein suchender die richtigen Fragen, die ihn reifen lassen, die die Quelle jeder gefühlten Authentizität sich selbst gegenüber darstellt. Er hatte so eine Ahnung und vor dem Anzünden holte er lieber noch vier frische Dosen.
"Ich muss mit Dir reden. Wo ist er gerade?" Sie bewegte ihren Kopf mit dem Blick auf den See fast verführerisch zu ihm hin, während er anfing zu reden. "Er ist raus auf den See zu dieser Stelle von der keiner was wissen darf. Gott weiß, was er dort tut." entgegnete er, während er sanft rollte.
Sie fasst sich und ging es an. "Es ist alles nur ein Scherz gewesen. Ein Test, ein Spiel, eine Verarschung oder Lektion, nenne es wie Du meinst. Es ist vorbei, aus. Wir haben wohl sowas wie gewonnen."
Die Zeit schoss an ihm vorbei. Er nahm ihre Worte mit Bedacht auf, drehte fertig und zündete. Etwas sehr wichtiges näherte sich seinem Bewusstsein, das war klar. Seine Seele hatte bereits verstanden, die weltlichen Sinne mussten noch hinterher. Er wollte erst nachspüren und verstehen, bevor er redete. Verwirrt zwischen Traum und Qual und unsicher, ob er in der Interpretation ihrer Worte richtig lag. Er benötigte ein wenig Zeit, um sicher zu sein, benötigte dafür sie und ihr Verhalten beim nächsten Blick, den sie austauschen würden. Sie war eine kluge Frau und wusste das. Sie hatte als Ärztin viele tiefe Gespräche geführt und wusste, was auch Blicke und Gesten sagen konnten, wie wichtig sie sind. Sie sahen sich an im vollkommenen Frieden, der es gar nicht war und den es auch nie mehr geben würde, hier an dem See im orangenen Licht. Sie synchronisierten sich ohne Worte und sie ließ ihm Zeit, sich neu zu orientieren.
An wessen Leid sollte er nun zuerst denken? Wer war der Größte Verlierer? Was ist das für ein Leben, in dem die Brocken, die das Schicksal einem hinwirft, von selbst nicht zu bewegen sind, sich aber durch seltsame Mächte im nächsten Moment leicht tanzend wie Elfensilber aus dem Staub machen? Wie soll man Schicksal begreifen, wie erklären?
Seit neun Monaten waren die drei verschnürt. Sein bester Freund, dessen Ärztin und er. Vor neun Monaten wurde gesagt, sein bester Freund würde bald sterben. Eine Information, wie sie jeden Tag Tausende von Menschen und Freunden bekommen. Auch morgen wieder und das seit Beginn der Menschheit. Nur ist das so besonders? Wo genau war der Unterschied, zwischen ihnen Dreien? Es gab im Grunde nicht mehr Information als für alle auch. Ort, Datum und Umstände, auch die Ursache blieb bei allen gleich. Es gibt nichts anderes als die allen gleiche Gewissheit.
Die Ruhe setzte in seiner Seele ein und er war bereit für einen weiteren Schritt auf seinem Weg des Suchens.
"Wie hast Du davon erfahren?". "Es war vorgestern, die Laborwerte seiner letzten großen Untersuchung vor eurem Urlaub waren gekommen. Es hat sich alles in Luft aufgelöst, Amigo. Er hat die Werte eines Sechzehnjährigen. Ich habe sofort das Labor und dessen Leiter angerufen. Ich kenn' ihn gut und lange, er ist sorgfältig. Auch ihm war das aufgefallen und hat deswegen persönlich drei weitere Tests durchgeführt, ehe er das Ergebnis an mich weiterleitete. Hier sollte man keinen Fehler begehen. Verstehst Du, er ist frei! Wir alle sind es!"
Sie saßen sich auf der Veranda mit den Stühlen gegenüber. Beide fühlten sich, als hätten sie das Schicksal selbst in den Händen. Er legte seinen Ellenbogen auf den Tisch und stütze den Kopf in die Handfläche, blickte auf den See hinaus, wo noch keine Spur des Bootes zu sehen war. Die Dunkelheit würde noch ein wenig auf sich warten lassen, so dass noch kein Grund zur Eile bestand.
"Ich habe den Eindruck, dass er sein Leben noch nie intensiver und ehrlicher geführt hat als in den vergangenen Monaten. Verstehst Du, es geht um diese klarste Ehrlichkeit seinem Leben gegenüber. Es geht nicht um Reisen, Abenteuer oder Wünsche. Es geht um die Umarmung des Lebens selbst. Der klarste Blick aus sich heraus, wie ein kühler Wind am Meer. Kann eine andere Situation, eine andere Konstellation so etwas wirklich auch herbeiführen? Er ist im Moment vielleicht genau dort, wo alle Fragenden hin möchten. Wozu war all diese Schinderei mit der Seele und den Ärzten und das Erlahmen gut? Ich meine, ich suche keinen Sinn oder dergleichen, so naiv bin ich nicht. Ich brauche nur Werkzeug an die Hand, um in die richtige Richtung zu graben. Mehr verlange ich nicht. Im Moment jedenfalls ist es so, dass alle Gerüste, die meine Persönlichkeit als lebendige Seele halten, erneut zusammenfallen. Und sie waren so neu und fühlten sich dieses Mal so stark an."
Er richtete sich auf und befand das Bier für einen guten Begleiter seiner Melancholie. Auch Sarah nahm wieder Haltung an, nachdem sie kurz vom süßen Geist genascht hatte, dessen Verheißung die naive Einbildung war. Sie wiederholte die Worte von ihm in sich noch einmal und erkannte die Andeutung von ihm zuerst erschrocken, weil neu für sie, dann mehr und mehr interessiert. Sie saßen sich nun direkt gegenüber und blickten sich ab und an direkt in ihre Augen. Immer dann, wenn einer von ihnen seinem Ernst und seiner Überzeugung ein wenig mehr Gewicht mit auf dem Weg zum Anderen mitgeben wollte.
"Ich glaube, ich weiß, was Du meinst. Es ist schwer und ich habe keine Ahnung, ob man das packen kann. Du willst nichts anderes , als Schicksal spielen. Nur rückwärts." Sie lächelte eine wenig, weil sie wieder einmal überfordert war damit, oder es zumindest glaubte, für ihre Gefühle, von denen sie dachte, sie wären sehr feminin, die richtigen Worte zu finden. Keine Erfahrung, die helfen konnte. Blind im Minenfeld bei Dunkelheit. Ihre Gedanken waren bedeutend und stolz.
Das Gespräch wurde jetzt mehr zu einem transzendentalen Brummen. Worte für seine Gedanken finden, die Vergangenheit und die Zukunft gemeinsam auf einen Wert stellen zu können, jetzt und hier, das war Aufgabe.
Aus Erfahrung wusste er, dass man sich bei der Lösung eines Seelenrätsels immer am besten durch Worte näher könnte, und so störte er mit einer kleinen Kraftanstrengung die Stille der Gedanken. "Weißt Du, wir sind hier nun in einer Situation, die es im Leben nicht oft gibt. Die letzte Instanz, die Dich nun zu einem Urteil, zu einem Fortbestehen Deiner Würde und Deiner Authentizität führt, ist Deine tiefste Veranlagung des Lebens selbst, im Grunde Deiner einzigartigen Seele selbst. Nur Du bist Richter und darfst es auch sein. Das musst Du Dir klarmachen. Und danach, wenn Du diese Instanz als das, was es ist, nämlich, also von mir aus, Gott gewollt annimmst, dann gehst Du den richtigen Weg. Du wirst es spüren." Er wunderte sich ein wenig über seine Worte und hatte Angst, eventuell missverstanden werden zu können. Er hasste es, einen Gedanken klar vor sich zu haben, aber dann im Versuch, dieses Wunder mit Worten in die sogenannte Realität zu überführen, Fehler zu machen und Zeit mit neuen Erklärungsversuchen verschwenden zu müssen.
Man konnte die Kraft, die die beiden für ihre Gedanken und individuellen Erklärungsversuche für ein Leben ohne Fehler aufwenden mussten, in der Luft wabern spüren. Die von ihm nun präziser werdende Möglichkeit war ihr in Ihrem Berufsleben als Palliativmedizinerin in dieser Konstellation noch nie vorgekommen. Ihre Rolle wurde auf einmal zu dem, was sie im normalen Leben der normalen Menschen eben ist: überflüssig. Ihre Künste wurden nur dann benötigt, wenn Menschen ihr Leben auf links leben mussten. Sie wurde ihrer Rolle entmündigt und es war zum Glück möglich, von jetzt auf gleich eine komplett konträre zu übernehmen. Eine sehr angenehme Entfernung vom Alltag.
Sie war intelligent genug, das Eine von dem Anderen trennen zu können. Sie war hier, nicht aufgrund ihrer Profession und Berufung. Sie war hier, weil sie Freunde waren und es echte Freundschaft war. Und dieses besondere Gefühl der Zuneigung, dieser eigenartigen Art der Liebe, musste man dienen, genauso wie man bedient werden musste. Man muss auch aushalten, wenn andere helfen müssen. Das kann grausam sein. Ihr Schicksal war derart verkeilt, dass nur die gemeinsame physische Gegenwärtigkeit zusammen mit dem Anblick des Schicksals eine Richtung, eine Lösung, weisen konnte. Der See lag fett und glitzerte souverän. Das Bier war genau richtig und sie tranken weiterhin in großen Schlucken und wunderten sich. Ihr aller Leben war eine Raupe aus Quecksilber.
"Hätten wir denn das Recht darauf? Würden wir weiterleben können mit diesem Schatz? Würden wir uns nicht wie der alleinig wissende Entführer fühlen, ohne das Versteck zu verraten? Würden wir uns es einfach oder schwierig machen?" Er bemerkte ihre Unsicherheit, die viel mehr als die Suche nach entlastenden Antworten, nach den so oft so sehnlichst herbei gewünschten Absolutionen war. Sie befand sich auf einer moralischen Wiese im Morgentau. Alles war neu und frisch. Die kommende Sonne versprach Wärme. Sie konnte hin, wo immer sie wollte. Kein Zaun begrenzte, kein Gatter war um die Wege. Doch das Problem für sie war die übermächtige Freiheit ihrer Entscheidung. Und keine Hilfe. Kein Rat und keine Erfahrung. Die Schule und ihre Ausbildung nutzten hier nichts. Sie musste eine Entscheidung treffen auf der Basis ihres Innersten, ihres Eigenstes. Auf der Basis und der Summe aller Atome ihres Daseins, die in ihrer unfassbaren Art und Weise im göttlichen Zusammenspiel sie als Individuum auszeichnete. Sie musste das tun, was den Menschen schon so lange versucht wurde, abdressiert zu werden: Sie musste eine eigenverantwortliche Entscheidung treffen, dir vor der Summe ihrer Biographie würde standhalten können.
Nach einer Delle von Schweigen nahm er das Wort wieder auf, nicht ohne sich noch eine Zigarette zu feuern. "Dir ist bewusst, dass er in wenigen Minuten dort auf dem See erscheinen wird und wir bis dahin eine Entscheidung getroffen haben müssen? Das ist dir bewusst?" Sie hatte Angst gehabt vor diesem Moment und dieser Frage. Ahnen und Hören hassen sich, vor allen in Situationen, in denen sie gleichen Wertes sind und es eigentlich nicht sein dürften. In Verbindung mit Wünschen und Hoffnungen ist es noch schlimmer. Sie ahnte, das Gleiche würde zutreffen bei der Entscheidung, die beide treffen mussten.
"Wir können das Schicksal eines Menschen bewegen. Wir können nehmen und geben, ganz gleich welche Seite die gute und welche die schlechte ist. Wir kennen die Vergangenheit und die Gegenwart. Wir können beides beurteilen und stoppen oder weiterführen. Wir können uns für eine Qualität der Zukunft entscheiden. Und es ist wohl gemerkt nicht nur seine eigene Qualität. Es dreht sich auch um unsere Überzeugungen und Fundamente, für was wir bereit sind zu kämpfen. Ist in dieser wahnwitzigen Zeit heutzutage Unwissen nicht auch schon ein Menschenrecht? Du bist Ärztin. Du hast geschworen, Deinen Patienten nicht zu schaden." Erschöpft und beseelt kehrte er kurz zum Fühlbaren zurück und rieb sich sein Gesicht einige Male in seinen schmutzigen Händen. Er stöhnte kurz. "Kann denn Wahrheit schaden?"
"Wenn er zurück kommt wird er wissen wollen, was genau Du hier treibst. Er würde sich Gedanken machen und Du weißt, dass er kein Dummkopf ist. Egal, was wir hier nun zur Wahrheit erheben: es muss ihn überzeugen. Ich für meinen Teil kenne meine Antwort bereits."
Sie erschrak im Nu. "Willst Du damit sagen, ich wäre nun an der Reihe, den Daumen zu senken oder nicht? Willst Du das sagen?"
"Ich will nur, dass Du mir sagst, was schon von Anfang an in Dir drin ist. Du hast Deine Entscheidung bereits getroffen, Du hast nur Angst vor einem konsequenten Schritt, weil Dir die Tradition der Sicherheit und der Verantwortungsabgabe unseres kranken Systems schon fast ganz zu eigen ist. Ich will nichts und verlange nichts. Aber bitte sage mir, was Du von Anfang an in Dir gefühlt hast, seit Du mir diese Nachricht überbracht hattest. Uns"
Er redete in der warmer Atmosphäre, die sie gern hatte. Wenn er wollte, konnte er das sehr gut. Dann machte reden sehr viel Spaß, auch wenn es sich um schwierige Themen handelte. Gott, wie viele dieser Gespräche hatten die Drei schon geführt.
"Ich weiß, wie sehr er gelitten hat und ich bin der Meinung, dass er seinen Frieden gefunden hat. Man kann dies nur, wenn man selbst betroffen ist. Alles Gerede von außen, all diese gutgemeinten Reden sind überflüssig und lästig. Jeder stirbt für sich alleine und ich bin mir sicher, es ist wertvoll, diesen Prozess bewusst erleben zu müssen. Leider ein Wert des Schmerzes. Nimmt man das Vorzeichen weg mit Sicherheit die Krönung aller Emotionen." Sie faltete ihre Hände.
"Ziel dieses Prozesses ist die letztliche und vollkommene Akzeptanz der Endlichkeit. Leider habe ich keine Ahnung, wie das zu schaffen ist, aber es geht anscheinend. Er zum Beispiel ist über diesen Zaun bereits gesprungen." Sie nahm sich das Feuerzeug und zündete sich eine ihrer sehr seltenen Zigaretten an. Zwei schwere Züge ließ sie sich Zeit.
"Wir werden ihm nichts sagen. Auch nicht mit der Option auf später. Und es kann mit der Zeit den Charakter eines Versuches bekommen, aber ist das nicht Tradition aller Kulturen, die sich mit dem Auslaufen der individuellen Zeit und der Ohnmacht davor jemals beschäftigten? Wir schwören uns ewige Treue und Liebe vor Gott, obwohl wir wissen, dass wir damit die Verantwortung für unsere eigene Freiheit abgeben in erwünschte höhere Mächte. Ganz egal, was wir tun, wir verletzen und zerstören. Zu groß ist unser Egoismus. Und um es deutlich zu verschweigen: ich weiß, wie er sich an unserer Statt entscheiden würde."
Das leise näher kommende Getucker des Außenborders hämmerte in den orangen Abend. Es hörte sich an wie ein Sonntagabend in einem alten Indianerdorf, wenn die Familien in Frieden an einem Feuer sitzen und konzentriert auf ihren guten Trommeln die Musik von Erkenntnis und Gnade spielen.
Das V kam nun wieder auf sie zu und bald war er so nah, dass er erkannte, wer zu Besuch gekommen war. Sie winkten sich zu. Sie dort oben bei Rauch und Trank, er dort unten in dem Zustand, wie er sie verlassen hatte. Er war so rein.
Das Boot kam schneller näher als sie dachten, vielleicht auch als sie es sich wünschten. Man konnte erkennen, dass er nicht zum ersten Mal das Manöver des Ankommens an den kleinen Steg unternahm. Der Winkel, in dem er das Boot heran manövrierte passte bei ersten Anschlag. Er warf das Seil über den Steg, weit genug, daß es halten konnte, solange er noch mit dem Aussteigen beschäftigt sein sollte und entstieg dem Boot. Er verzurrte es fest an einem Pfosten und begann damit, noch mancherlei Kram an Land zu holen. Den Motor lies er im Leerlauf noch weiterlaufen, womöglich um ihm Gelegenheit zu geben, sich von der vorangegangenen Schinderei erholen zu können.
Sie beobachteten ihn von ihrem erhobenen Stand nicht einmal hundert Meter entfernt und dachten das gleiche. Sie stellten sich vor, dass er sich unten extra viel Zeit ließ. Dass er seine Aufgaben extra sauber erledigte, weil er sich so sehr freute auf ihren Überraschungsbesuch und auf einen Abend, der in dieser wunderschönen Idylle alles mitbrachte, was es brauchte, um haltbare Erinnerungen für's Leben zu schaffen. Und dem Tod sollte man nur wunderbare Erinnerungen oder Lügen entgegnen. Die beiden oben gönnten sich nun hemmungslos viel Bier und hofften, während der verstreichenden Minuten auf eine kommende Klarheit, die ihnen langsam und Schritt für Schritt signalisieren sollte, dass ihre Entscheidung richtig wäre. Denn trifft man wichtige Entscheidungen, macht sich die Richtigkeit schnell mit einem wohligen Gefühl im Bauch breit. Andersherum natürlich auch. Und sie atmeten beide von Zeit zu Zeit tief und sagten Worte wie: "... das alles ist Wahnsinn."
Er stand dann am Ufer und wickelte ein scheinbar unendliches Seil über seiner linken Schulter. Sie hatten nun keinen Blickkontakt mehr gehabt. Langsam und stetig nahm er mit beiden Händen unten Seil auf, und hatte er genug, ließ er es auf den Boden fallen, maß eine weitere Schlaufe mit den Augen ab, klemmte diese über den schön gebundenen Rest, schwang den großen Ring über seine linke Schulter und der Arbeitsschritt konnte von vorne beginnen. In einem Moment nahm der Motor an Fahrt auf. Eine stete Konstante an Lärm im System. Doch der Lärm war zu schnell zu hoch. Irgendetwas war unten passiert oder passierte noch. In Bruchteilen waren sie wie Kolosse aufrecht zu Stein und starrten ob ihrer Angst mit kindlicher Hoffnung auf Gutes auf die Szene, die ihrer Angst zuvor gerecht wurde.
Aus irgendeinem Grund hatte der Motor seine Drehzahl in kürzester Zeit erhöht. Er selbst konnte es nicht gewesen sein, denn sie nahmen seine Statur noch immer am Ufer wahr. Allerdings war um den Motor eine Menge aufgewirbeltes Wasser und Schaum, das Wasser dunkel und schwer. Und erst jetzt nahmen sie auf, dass es kein Motorengeräusch mehr gab. Im Gegenteil, ihre Ohren fühlten sich an wie nach einem Rockkonzert, das bleiernes Brummen hinterlässt. Und auch jetzt erst trauten sie ihren Augen und sprinteten nach unten an den Steg. Sul vorneweg und schneller. Er für seinen Teil wollte zumindest eine Taschenlampe aus dem Haus mitnehmen und so viel Zeug, das sich auch nur im Entferntesten nach erster Hilfe ausgab, wie er finden konnte. Denn die Statur, die sie noch Sekunden vorher wahrgenommen zu haben glaubten, war in Wirklichkeit ein Körper, am Boden liegend in einer perfekt zuckenden Krümmung.
Je näher sie kamen, desto mehr wurde aus Nichts eine Realität. Jeder Atemzug näher zu ihm setzte ein weiteres Teil einer Irrealität zum Ganzen. Anscheinend hatte sich die Schraube des Motors in Bewegung gesetzt und hatte mit aller ihr zur Verfügung stehenden Kraft das Seil, an dem er beschäftigt gewesen war regelrecht ein gesogen. Blitzartig hatte sich die Schlaufe um seine Schulter zusammengezogen und ihm den linken Arm abgerissen. In irgendwelchen wirren Blicken versuchten sie, in der Umgebung den Arm zu finden, sahen aber nur schnelle Blitze. Sie beugten sich über ihn und nestelten an seinem Körper und seiner Kleidung herum. Das wenige Verbandszeug, das aufzutreiben war, war bereits tropfnass von seinem Blut, das nun nicht mehr aus dem fetzigen Stumpen herauspumpte, sondern weich und zufrieden wie der Mond einfach warm verfloss. Sarah nahm seinen Kopf zwischen ihre Beine und streichelte sein Gesicht. Es war unrasiert und stellte Leben dar. Leben, das sich gleich verpissen würde. Sie befanden sich gefangen in der Ewigkeit. Selbst die Zeit hat Respekt vor solchen Momenten. Alle nahmen die Gewissheit, dass er hier und jetzt sterben werde müssen mit einem würdevollen Stolz an. Stolz kann ein wichtiger Freund beim Sterben sein.
Seine Haut wurde kühler und er begann heftig zu zittern. Ihre Blicke waren für die letzten Minuten miteinander verschweißt. Die Gewissheit, auf die ein jeder von uns all die Zeit wartet, dass der Eine geht, der Andere bleibt, war gekommen. Die Sicht-Liebe Schranke wurde zum ersten Mal seit ihrer beider Geburt durch ihre Mitte erneut geöffnet.
"Wie schön Dich noch einmal zu sehen. Ich muss mich entschuldigen...", er musste heftig husten. "Ich will eigentliche keinen Ärger machen, wollte nachher noch mit Euch feiern."
Sie sprach nicht "Du musst schweigen. Halte Durch. Wir holen sofort Hilfe. Nichts, nur Schweigen." Alles war eingewickelt und sehr weich. Töne von außen wurden zu Musik übersetzt, bevor sie im Bewusstsein Schaden anrichten könnten.
"Warum bist Du zu uns gekommen? Was möchtest Du uns sagen?"
Der Augenblick raste wie die Guillotine in die Realität hinein, und sie überlegte keine Zeiteinheit, bevor sie ihm antwortete:
"Du bist gesund. Es tut mir leid."
Er lächelte während seiner letzten Worte.
"Quäl Dich nicht, es muss Dir nicht leid tun. Ich wusste es."