ultracrass

Mama 1

 

 

Es ist schwer zu beschreiben.

 

Ich entdecke eine neue Realität, die anders ist als diejenige, die ich kenne. Beinahe zittere ich, eigentlich ist mir an jeder Körperstelle, an die ich denke, ein wenig kalt. Meine Hände und Arme wirken taub. Gerade habe ich ein wenig geweint. Wahrscheinlich ein kurzes Warmmachen. Ein "sich daran gewöhnen". Der Einzug vom immer Gefürchteten in den Alltag der Seele. Mit brachialer Gewalt ist dieses Ding in mich eingedrungen. Ich ahne, es bleibt für immer. Bis zu meinem letzten Atemzug. Das macht mir Angst. Ich habe nicht gerne zu tun mit solchen Kräften, von denen ich weiß, dass sie die Ur-Macht des Universums darstellen. Zumindest in der größten Größenordnung, die Menschen zum heutigen Entwicklungsstand in physische und spirituelle Parameter stecken können. Ich mag das nicht. Der Vergleich mit den Gefühlen bei der Geburt des eigenen Kindes würde einen gedanklichen Ausflug sicher lohnen, doch dazu bin ich nicht in der Lage.

Die Welt ist flach geworden. Gleichmäßig. wie das Atmen in der Meditation. Atmen befriedigt mich im Moment sehr. Es gibt Ruhe. Draußen liegt noch ein wenig Schnee. Geht man hinaus, hört man den Schnee die Ruhe beschützen. Es wird Zeit, Abschied zu nehmen. Es hat gerade vor ein paar Stunden begonnen. Leider wird das nie gelingen. egal was sie sagen.

Kann man sich soweit lösen und die Gedanken an wichtig und unwichtig löschen? Sich in diese Richtung bewegend sich vielleicht einem Kern nähern, einer Art Erträglichkeit. wenn auch nicht Erklärung. Ich hoffe, wenn schon nicht die Alleingelassenen, so wenigstens die Gehenden bekommen ihre ganz persönliche Antwort auf ihre Fragen! Unter vier Augen, wenn es denn sein muss. aber die Lösung des Rätsels Leben wird aufgelöst. versprochen? Sonst wäre das ja alles ohne Sinn gewesen. Spielen, ohne wenigstens einmal zu gewinnen.

Meine Mutter wird sterben. Meine Mutter wird sterben. Meine Mutter wird sterben.

Den nächsten Winter wird sie nicht mehr erleben. Ich zähle besser später auf, was sie nicht alles erleben wird. Es tut so weh. es tut so unglaublich weh.

 

Gleich kommt mein Sohn vom Zähneputzen, er weiß noch nicht, dass seine Großmutter sterben wird. Und er zusehen muss. Er weiß noch nicht, wie sehr er sehr bald leiden muss. Und auch hier kann ich nicht helfen. Niemand kann helfen. Die Qualen beginnen für ihn. Alleine. Möge Gott das Glück geben, ich habe ihn gut genug darauf vorbereitet. Dass er am Ende versteht, dass diese Qualen Voraussetzung sind, das Leben als das zu empfinden und zu empfangen, was es in der Tat ist: das Schönst Geschenk auf Erden.

Ich weiß nicht, wie das hier weitergeht. Ich stelle mich auf unbarmherzige Schläge ein. Echte Wirkungstreffer. Ich habe Angst davor, mich zu verändern. Ich habe Angst vor Grübeleien und einsamen Gedankenreisen. Ich spüre meine Seele wachsen. Das ist ungewiss und macht mir ebenfalls Angst. Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt, ein gutes Stück in Sachen Entbehrung, Bescheidenheit und Nächstenliebe voran zu kommen. In diese Richtung muss ich mich bemühen, das Steuer zu drehen. Ich hoffe, ich schaffe das. Und wenn, dann hoffentlich mit tiefer Überzeugung, und nicht jämmerlich und bemitleidenswert bemüht, weil gehört, das sei gut.

Morgen fahre ich sie ins Krankenhaus. Ich war gerade noch einmal bei ihr. Ich wollte so gerne nicht den bald verstorbenen Menschen, meine Mutter sehen. Es ist mir nicht geglückt. Sie wollte sich nicht setzen, stand und war in einer gewissen Weise hektisch. Wir haben uns in den Arm genommen. Leben und Leben. Die ewig Verbundenen, die zwei aus eins. Ich fühle Stolz. Sie wird den Stab übergeben und ich werde ihn eine zeitlang tragen. Eine sehr abgedroschene Geschichte, die wir hier vorgesetzt bekommen.

 

Ich war ein Teil von ihr. Alles, was ich habe und bin, sie ist es. Sie ist der Grund.

Sie hat geweint. Ich sah ihr in die Augen und sah eine unglaubliche Angst. Ich habe viel über Versuche gelesen, eine solche Angst mit Worten zu beschreiben. Es wird nie gelingen. Sie ist physisch, die Augen sind weit und so voller kalter, glatter Angst. Und so viel Liebe. Alle Liebe der Welt in diesem Menschen. Mein Herz schlägt hart in den Hals hinauf. Ich muss schlafen. Nur wie sieht das morgen aus? Diese Gewissheit, dass ab heute jeder Tag zur Hölle werden kann. Und ich rede nur von mir! Wie muss es ihr gehen? Sie steht im Wind und muss gehen. Und niemand sagt ihr wohin. Es ist keine Hilfe in Sicht. Eine stockdunkle Gegend. Man kennt nichts. Es sind genau diese Momente, in denen man von seiner Mutter in den Arm genommen werden will. Und weiss, daß wirklich überhaupt nichts passieren kann.

Ich muss ein Mittel gegen meine Ohnmacht finden. Und wie bitte soll ich es meinen Kindern sagen?

19.01.2016

 

 

 

 

 

 

 

Mama 2 

 
 
 
 
Ein paar Untersuchungen später. nichts zu machen. Ich weiß nicht, ob vorher Hoffnung da war. Ob nicht die Grausamkeit alle in einem schauerlichen Beben davongetragen hat. Heute aber weiß ich, dass es egal ist. Hoffnung ist lächerlich. So trocken profan, ohne Romantik. Ich befinde mich in einem wichtigen Stadium meiner Psyche. Sie reift, sie bereitet sich vor. Es könnte sein, dass ich irre werde. Oder ist das vielleicht in einer ruhigen Art und Weise gerade das Ziel, und nur die Alten kennen dieses Geheimnis.
Wir unterhalten uns über dies und das, ihre Finanzen. Die Sprache kommt auf Anschaffungen, die eventuell noch anstehen könnten. "..die Waschmaschine ist kaputt, ich bräuchte eine neue, wenn ich das noch erlebe." Es dauert ein paar Augenblicke, bis ich das kalte Wischen in meinem Herzen spüre. Wie Schnee, unverhofft im Kragen. Ich bin machtlos, schwimme in verschiedenen Realitäten, die ich nicht kenne, die aber bald meine eigenen sein werden. Ich würde mich gerne wenigstens ein wenig herantasten, an dieses unbegreifliche Ding. Es gelingt nicht und meine Hoffnung darauf, es könnte gelingen, wird kleiner. Es ist ein schwerer Kampf, dieses Reifen.
Wir drei, meine Mutter, meine Schwester und ich geraten in eine unbeschreibliche Stimmung. Sie wird enden in einer sarkastischen Stimmung, für die ich mich schäme.
Und ich komme der Sache näher, warum es sich mit dieser Bestimmtheit über das kommende Ende so schlecht leben lässt. Was uns daran so dermaßen verletzt, wo wir doch wissen, daß es in der Tat für jeden von uns sogleich aus sein kann.
Es ist der ureigenste Schutz vor dem Irrwerden. Die Verdrängung des eigenen Todes. Dieser Schutz wird zu Staub getreten mit dem Wortwerden einer uns bekannten Masseinheit.
26.01.2016

 

 

 

 

 

 

Mama 3

 

  
 
 

Meine Schwester und ihre Tochter sind angereist. Mitzumachen, da zu sein, eine gute Idee. Wir verstehen uns mittlerweile recht gut. Besser. Die andauernde und aushöhlende Abneigung, zu der nur Frauen fähig sind, zwischen meiner Frau und meiner Schwester geht mir immer und sehr auf die Nerven und in Zeiten wie diesen noch viel mehr.

Ein Riesendurcheinander heute. Eine Biopsie. Irgendeine Krankenschwester flüsterte meiner Mutter zu, das Wort "gut" wäre bei den Ärzten gefallen. Das Ergebnis war eine Katastrophe. Meine Mutter war den ganzen Tag über zu gut aufgeregt. Sie fängt an zu träumen, weil das Gestern doch nicht zu verkraften ist. Ich denke, die Psyche sucht sich ihre Winkel, um den Menschen lebensfähig zu halten.

Am heutigen Tag wird sie extra durch die Stadt kutschiert, es werden Aufnahmen vom Bauchraum und wohl auch vom Kopf gemacht. Ab 14:00 steht dann eine Erklärung der Ärztin an. Ich werde nicht dort sein, meine Schwester wird die Regie haben.

Wie wird nun die Welt heute Abend aussehen, wenn ich das Ergebnis dieses Gesprächs erfahre. Alleine in den letzten zwei Tagen durchlebte ich so viele  Zustände, so viele Schwankungen. So große Angst, Selbstmitleid, Wut, Aussichtslosigkeit, Einsamkeit, Verdrängung, und diese zu großen Amplituden.

 

Es war sehr schön, mit meiner Schwester wieder einmal ungestört sprechen zu können. Alle in dieser Situation erzählen in der Tat denselben Kram. Und das ist gut, es beruhigt. Reden macht ruhiger. Klischees nutzen schwer ab.

Ja, ich will mir mehr Zeit für meine Familie und Freunde nehmen, mich um mich und mein seelisches Wohlergehen kümmern, in mich hören und mir Gutes tun, das Überflüssige vom Wichtigen unterscheiden.

 

Es bleibt alles auf der Strecke, die Geschwindigkeit ist zu hoch. Gut leben ist heute Luxus. Alleine zu wissen, was für sich selbst gutes Leben bedeutet ist schon ein Luxus.

Die Stunden beginnen zu laufen. Später wartet wieder das Schicksal.

21.01.2016

 

Mama 4

 

Gestern habe ich meine Mama einmal mehr besucht. Heute geht sie wieder mit so viel unendlich ungewissen Gedanken  ins Krankenhaus zu ihrer zweiten Chemotherapie. Noch am Wochenende fragte ich sie, ob sie bereits Haarausfall bemerke, sie sagte, ja ein wenig. Gestern kam das Gespräch dann wieder darauf zurück, sie langte in ihre Haare und zog ein nicht kleines Büschel ab. Andere, die so etwas vor mir erlebten, werden mir recht geben: es ist die eine Sache, darüber zu lesen und zu hören. Eine andere ist es, wenn die eigene Mutter dieses surreale und weit entfernte Schauspiel real und vor einem selbst aufführt.
 Sie hat wieder geweint. Ich denke, das kommt vor allem vor der Angst des Ungewissen. Meine Mama war nie eine feige Persönlichkeit. Sie hat sich jeder, ausnahmslos jeder Hürde im Leben gestellt und alle mit der ihr zur Verfügung stehenden Kraft gemeistert. Und ist nicht alles, was man hat und kann, mehr also genug? Einmal mehr aufstehen als hinfallen, eben.
Jetzt steht sie da, vor sich wissentlich die letzten Meter ihres Lebens. Sie weint vielleicht auch wegen all der Dinge, die sie nicht mehr selbst wird sehen können. Zumindest dann, wenn man den Ärzten glauben will. Sie hat ihr Leben lieb und das ist gut so. Wir haben die Traurigkeit selstamerweise mit einem Thema bekämpft, das an sich schon zu Tränen rührt. Wir haben ihre neue Frisur besprochen. Komischerweise kam sie da wieder unglaublich beherrscht und zielführend daher. Vielleicht ist die Kunst dabei, einfach geschickt so viele Themen wie möglich anzubieten und schnell einzuhaken, sobald man merkt, daß es greift. Zum Ende meines Besuches bin ich nervös geworden, weil ich selbst nach Hause wollte und endlich Ruhe haben. Natürlich habe ich mich schnell zurück genommen und bemerkt, wie schäbig ich denke. Denn es sind diese paar Minuten, aus denen Todkranke voll mit Angst ihre Kraft ziehen. Solche Momente schleppen sie tagelang herum und finden immer noch ein wenig Nahrung darin. Sie sagt, vielleicht lässt sie sich heute gleich ex eine Glatze schneiden und hopp: Perücke drauf. Eine tolle Frau, von der sich einige der aktuellen Schulmütter viel abschneiden können. Meine Mutter ist nicht bloß vorher gehörtes Geschwätz.
Heute nachmittag will sie mich anrufen, mir sagen, was sie getan haben, wie die Behandlung morgen dann aussehen wird. Ich weiß, dass sie Angst hat, ich will ihr so gerne viel mehr helfen.
23.02.2016

 

 

Mama 5

 

Ein Traumtag für meine Psyche. Ich hab's den Kindern immer noch nicht gesagt, ich kann es nicht. Es ist nicht machbar und ich weiß, dass es sein muss. Und ich muss es tun.

Mama heute zweite Einheit. Ich sag, ruf an, wenigstens um zu sagen, wie es Dir geht, sie ruft an. Alles toll, sie kommt gleich heute wieder heim. Ok, ich will Blumen kaufen, sie ihr ins Zimmer stellen, als Überraschung. Komme zu spät vom Training, verschiebe es auf den Abend, da ich sie sowieso besuchen will. Sie erzählt, sie hätte heute gleich ernst gemacht, und sich die Haare abrasieren lassen. Sie hat das angekündigt, sie hat es getan. Punkt. Wie sehr kann ich diese aufrichtige Konsequenz bewundern. Eine für mich schwer zu ertragene Souveränität, bis in die letzte Zelle authentisch und stolz. Unglaublich.

 

Ein Möbelprospekt liegt auf dem Tisch, passende Couch für wenig Geld. Ich sage, jetzt oder nie, zum Höffner (um die Ecke)? Nein, viel weiter zum Segmüller. Nur Stau, noch könnten wir rechtzeitig wieder zurück sein. Der Verkäufer: "Das hier ist Segmüller, der Propekt ist von Höffner". Ich fühle mich zittern vor Wut, schnell heim, ich muss sie sehen, ihr zeigen, dass ich bei ihr bin. Alles zu, widerwärtiger Verkehr und Stau und ausschließlich Arschlöcher  unterwegs. Ich fresse wieder Teile von mir und weiß nicht, wie das weiter gehen soll. Jeder Tag wird mehr und mehr zur Qual. Ich bin verloren und kann mich nirgends festhalten, keine Erinnerungen mehr, keine Zukunft. Nur Angst. Keine Orientierung. Ich bin nahe dran an wesensändernden Kräften und Einflüssen. Ich hoffe, das geht gut aus für mich. So sicher bin ich mir da nicht.

Ich rufe bei ihr an, es klingelt lange. Ihre stimme klingt gebraucht. Ich entschuldige mich für die Verspätung, es ist halb acht. Sie ist müde, will an sich gleich ins Bett. Ich fahre nicht mehr. Ich bin am Ende. Ich will nur lesen. Buchstaben. Papier und meine Jugend will ich haben. In meinem Bett und eine gute Suppe. Und dann fernsehen. In rotem Frottee.

24.02.2016
 
 
 

Mama 6

 

Sie hat nun eine Perücke. Es sieht super aus. Man ist eben sehr erleichtert, wenn man den Eindruck hat, der Betroffene hat in seinem dunklen Loch irgendein freudiges Erlebnis. Und man ist ja so heilfroh, dass man nicht selbst dran ist.
Ich hatte entschieden, es den Kindern nun einzeln zu sagen, ein komplettes, kontemplatives Plenum hat einfach keinen Raum, keine Zeit, keine Ruhe. Bilde ich mir ein. Über die Gespräche kann ich viel schreiben, vielleicht später. Im Moment bin ich noch immer so erleichtert, dass ich diese Prüfung bestanden habe, dass ich nicht kann, nicht will. Es war mit Sicherheit das Schrecklichste, was jemals meine Aufgabe war.
Gestern Abend hatte ich vor dem Einschlafen einen Gedanken, den ich zum ersten Mal so erlebt habe. Ich wühlte mich in die Decke, wohlig in der kommenden Wärme, und lächelte in mich hinein, weil ich die nächsten Stunden kein Bewusstsein haben würde. Die Sorgen, die mich zermalmen wollen, konnten ein paar Stunden einfach nicht bis zu mir hindurch. Und das ist ein schöner Zustand.
29.02.2016

 

 

Mama 7

 

Seit Samstag gibt es ein neues Ereignis. Ich habe beschlossen, keine eigene Gruppe dafür zu eröffnen, denn zu dicht liegen diese beiden zusammen, es gehört auch hierein.

Situation und Abfolge: Die Geburtstagsfeier ist vorbereitet. Tage des Kochens und der wachsenden Nervosität ob des Erfolges der Feier liegen hinter uns allen. Ich fahre noch kurz weg, um wie besprochen noch Bier zu besorgen. Ich komme nach Hause, den Kasten und zwei alkoholfreie Weissbier für mich vor meinem Bauch. Noch nicht an der Haustür kommt mein Sohn heraus, spricht mich an, es sei jemand am Telefon, es hat einen Unfall gegeben.

Der andere Sohn ist unterwegs mit der Handballmannschaft. Alarmbereitschaft, in stand by. Könnte jetzt wieder Fahrerei und Zeitverzug bringen, in zwei Stunden kommen die Gäste. Im Haus aufgeregtes Geplapper, die ein oder andere Miene zuckt schon heftiger. Es vergehen dann 10 minuten, die aus der schlimmsten Verdichtung der Hölle geschmiedet wurden.

 

Nächster Anruf. Es hat einen Unfall gegeben.

Ein anderer hält mir ein Internet unter die Augen, schwerer Verkehrsunfall auf der B12 im Allgäu bei Kempten. Das Auswärtsspiel. Der Weg zur Flucht, der eine Gedanke, es hat ihn nicht erwischt, löst sich auf. Er winkt nicht mehr einmal, er entfernt sich einfach dorthin, wo er drankommen darf. Bei anderen, nicht hier bei mir. Hier nicht, nicht heute. Hier ist das Schicksal persönlich anwesend.

Dann ein Telefon mit einer Sprachnachricht. Man habe gehört, er wäre verletzt, ich höre auch schwer, das darf aber nicht sein. Mein Schwindel nimmt zu, ich suche die Augen seiner Mutter, um irgendwas zu tun. Ich liebe sie so sehr und muss unsere Liebe mit einem Blick sofort synchronisieren bevor es losgeht. Denn nun steht fest: hier und heute ändert sich unser Leben. Vielleicht für immer.

 

Sie steht irgendwo und telefoniert, sie weint und hat ein zerfetztes Herz. Meine Luft sackt immer tiefer, ich muss sie mit Absicht hochholen. Der Schwindel bleibt, ich schaue auf meine Kinder. Langsame Drehungen im Raum.

Nächstes Telefonat oder Internet oder Einbildung. Der Hubschrauber hat ihn weggeflogen.

 

Ich kann nicht mehr stehen. Ich muss mich zum Atmen konzentrieren, ich muss kurz für mich sorgen. Ich gehe auf alle viere, wie damals, als sie vor 13 Jahren vor meinen Augen dieses Kind gebar. Ich krieche am Boden wie ein Tier, hoffe, dass mich die anderen nicht enttarnen und sehen, dass ich die Kontrolle verloren habe. Sie müssen in diesem Moment zu 100% wissen, dass ich das Kommando habe, sie sich keine Sorgen machen müssen. Wieder die Suche nach seiner Mutter. Sie ist nach ihrem eigenen Taumel nun umsorgt von anderen, ich denke, ich sehe sie weinen. Ohne Schluchzen. Es ist das eine Weinen, das nur das Schicksal persönlich bringt. Man spürt, dass es anders wird ab jetzt, dass man über eine Weiche gefahren ist. Eine versteckte, die nicht eingezeichnet ist, die aber den Kurs stört.

12.03.2016

 
 
 
 

Man sitzt neben seinem Kind und beobachtet sein Gesicht, wie es sich unter Schmerzen immer wieder verformt. Es nicht nicht dieser weinerliche Ausdruck, es ist der Ausdruck von Qualen. Ich nehme bewusst wahr, wie ich wütend werde. Wie mein Hass dauerlich wächst. Beobachte den Automatismus, wie die Emotionen sich gegeneinander abwechslen, hin und her schwappen, ein Ozean unter großen Kräften. Ich wirble und lasse los. Das macht schwindelig und ich fange mich auf. Wie der kleine Fuss, der das Karussell im Sand bremst.

Alles ist schäbig, nicht würdig. Es muss ein weisses Königreich her für diese Qualen. Sattelt die Einhörner zur Vergeltung.

 

Mama 8

 
 
Ich denke, hier ist der Funke aller Religionen.
Im Erkennen der eigenen Unfähigkeit, der Kapitulation vor der Sinnfrage, muss es die andere Lösung geben. Nicht minder verständlich, aber praktisch. Zu fassen. Das macht die Niederlage erträglicher.
Auch ein Weg. Sollte ihn denn geben.
 
19.03.2016
Meiner Mama geht's gut. Sagt sie. Ich weiss es nicht, ich will die Wahrheit nie mehr hören. Ich möchte Baden in Lug und Trug, ein Nachdenken ob echt oder nicht wird egal. Alles ist mindestens eine einzige Illusion. Wohin mit der Leere. Wer nimmt Leere? Ich bekomme sie nicht weg, sie klebt in mir fest und schickt mich mal hierhin, mal dorthin. Ich gehorche und mache. Schau mich an und wundere mich über meinen Fleiss und Energie. Manchmal kommen Leute und wir sprechen. Das tut sehr gut. Mit den Richtigen. Die Schlimmen sind die Phrasendrescher. Teilweise enttarnen sie sich erst nach ein paar Minuten. Seltsam: ich habe noch keinen getroffen, der sich einfach hingesetzt hat, und sein Maul gehalten.
Wäre geil, wenn ich noch so einen noch fände.

 

Mama 9

Ich entschwebe in Träume und Hoffnung. Derzeit sind die beiden für mich dasselbe. Vielleicht ist das immer so. Ich träume davon, dass mein Kind wieder gesund wird. So, wie ich es in die Obhut eines anderen gegeben habe. So es sein würde, wenn ich auf der Terrasse säße bei einem Kaffee im Schatten, und mein Kind käme um die Ecke. Vielleicht Jahre später.
Die Gedanken und Gefühle bei dem Anblick wären für immer anders. Anders als der erste Blickkontakt mit seinem Kind direkt nachdem die Mutter es vor Deinen Augen geboren hat. Man kann sich das nicht vorstellen, aber es ist noch einmal anders, ich würde sagen: noch einmal eine Dosis mehr. Wirklich erstaunlich.
 
Gleich hin zur Warum-Frage.
In diesen Momenten sind wir sehr eins mit unserer Seele. Mit den kosmischen Kräften allen Lebens. Wir bilden uns ein, endlich ein wenig Licht in das Wunder Leben zu bekommen. Was wichtig ist, was nicht. Wieviel genug ist. Anfang und Ende. Man versöhnt sich in gewisser Weise mit dem Schmerz. Kann ihm verzeihen.
Warum versetzt uns die Natur nur in solchen Momenten in die Lage, klar zu sehen. Abgestreift von jedem überflüssigen Müll wie Geld, Ansehen, Geltung. Anders herum: kann man es in der Tat hinbekommen, seinen Alltag nahe diesem Gefühl zu leben? Ich denke ja. Die Jungs vom Buddhismus sind da auf dem richtigen Wege. Sie haben den Quatsch mit "nur wenn du brav bist, bekommst Du auch was Feines" bereits hinter sich gelassen. Sie wollen Wahrheit finden. Und das kann jeder so wie er möchte. Innerhalb gemeinsam definierter Spielregeln. 
 
Bislang sah ich solche Ereignisse als einen Bruch in der psychischen Biographie. Als einen Makel wie eine Warze, die mal kam und die man nie wieder losgeworden ist. Selbst sieht man sie nicht mehr, die Anderen allerdings sehr wohl. In der Tat dreht sich diese Ansicht. Ein anderer Gedanke macht es sich bei mir breit und er scheint sich wohl zu fühlen. Wir haben es warm zusammen.
Richtig ist, daß solche Ereignisse sehr wohl Arten von Einschnitten sind, es sind sogar ab und zu ganze Abhiebe. Diese haben aber nur den einen Zweck: aus einem rohen Körper nach und nach eine Figur zu formen. So lange, bis der wahre Mensch zu erkennen ist.
Gefällt mir.
21.03.2016

 

Mama 10

Ich befinde mich seit 10 Minuten an meinem Arbeitsplatz. Ich nehme mir bewusst Zeit, die Situation einzuordnen und zu sortieren. Alles ist fremd, anders fremd. Nicht wie nach einem Urlaub. Ich versuche die Nebensächlichkeiten zu geniessen und suche einen Entwicklungsschritt zu entdecken.
Meine Geddanken fliessen verstärkt in ein Thema: kann es sein, dass die erlebte Geschichte, in der das Ende des Lebens so nahe an mir war, keine Konsequenz für meine weiteren Tage haben sollte? Wäre das möglich? Könnte ich mit einer solchen letzten Schmach leben?
Mir wird klar, daß ein Weiter so einen erbärmlichen Zustand darstellen würde und ich suche nach Konsequenzen, die mir vorgeschrieben sind.
04.04.2016
 

Mama 11

Morgen ist Muttertag. Sie wird zu uns kommen. Sie denkt wahrscheinlich öfter als ich daran, dass es der letzte für uns beide sein konnte. Was ist das für eine Qual. Meine Entwicklung ist klar hin zu diesem einen, immer wieder lehrenden Gedanken. Jeder Tag, den wir verleben, kann eben dieses letzte Mal sein. Warum bekommt das niemand mit?

21.05.2016

Mama 12

Gerade rief meine Schwester an. Unsere Mutter musste ins Krankenhaus, es geht schlechter. Die Ärztin will keine Verantwortung mehr über nehmen, die Beine schwellen immer mehr an. Ich bin über zeugt davon, dass sie furchtbare Schmerzen hat. Sie ist jetzt so alleine. Ich denke, sie weint. Sie muss unendliche Angst haben. Ich fahre nun nach Hause und sofort zu ihr. Ich werde wahrscheinlich all das sehen ind fühlen werden, was ich nicht will. Was sie nicht will, was so schwer und unerklärlich ist.

21.06.2016

Mama 13

Wir haben beschlossen, die Bestrahlungen nun sein zu lassen. Wir, zusammen mit unserer Mutter. Sei das überhaupt irgendwie möglich. Alles wird auf Null gebracht. Keine Behandlung mehr. Es ist eine von diesen Entscheidungen, die im Vorfeld theoretisch auf dem Tisch sind. Gute Themen für z.B. Nachbarn, die helfen wollen, sich interessieren und von Herzen bemühen, wo aber immer nur Phrasen gedroschen werden. So, wie ich das früher ebenso tat. Das eine ist schön gemeinter Beitrag, das andere ist die Realität.
Wir geben jetzt also auf. Nur, ich denke nicht, dass es eine Aufgabe, eine Kapitulation ist.
Es ist vielmehr ein Abwenden hin zum Leben.
Vielleicht durch Anerkennen der Machtlosigkeit. Ein gespieltes, kindliches Desinteresse. Ein Licht leuchtet in dieser Lampe unfassbar, irgendwo. Es ist mehr ein Gefühl, denn ein optischer Reiz.
Ich fühle Lebenszeit und versuche in der Dunkelheit dieser Berührung nach Hilfe zu suchen.
29.06.2016

Mama 14

 

Ich fange an, Erinnerungen zu sammeln. Und sehe zu und staune über diese wirre Situation.

Sie sitzt neben mir, wir unterhalten uns und wir wissen, dass sie bald stirbt. Mit Glück bis Weihnachten.

Sie ist meine Mutter und ich rede mit ihr.

01.07.2016

Mama 15

Mein letztes Thema: wie verhält man sich während der letzten Lebensmonate seiner Mutter. Ist es die Kreuzfahrt, der Anblick der Freiheitsstatue in live, ein Dschungelbesuch, das Meer, die Berge? Oder ist es denn die unvergleichliche Normalität, in einer Form die verzweifelt eingebildete Ignoranz gegenüber dem Tod? Egal zu welchem Urteil man kommt, man wird lamentieren, später und immer. Es ist wie unterwegs auch, dann, wenn man noch lebt. Man muss diese Bestie Konjunktiv auf irgendeine Weise zähmen.

Oder ist es am Ende die Gier?

18.07.2016

 

Mama 16

Gestern war Einkaufstag. Normale Tour, Lidl, dies und das, vier Schachteln lihgts 100er, Rossmann, Damenartikel. Danach Kaffee in Litern bei ihr. Sie erzählte mir von einem uns noch unbekannten Palliativarzt. Dr. Eberle. Mir kam bei der Geschichte ein Gedanke in den Kopf: wie muss man sich fühlen, wenn die Wahrscheinlichkeit abnorm hoch ist, dass Dein aktueller Gesprächspartner auch Deinen Totenschein unterschreibt? Ich hoffe, dass meine Mama nicht auf so einen Scheiss kommt. Ich hoffe, sie kommt auf gar nichts als die Wahrheit. Und sie wird sie für sich behalten. Denn Teil der Wahrheit ist die Übereinkunft, nichts darüber zu verbreiten.
Eine weitere vergessene Problemlandschaft taucht goldgelb auf in meinem Kopf. So artig bringt es mir wieder die nächste Hölle dar. Ich habe leider immer noch keine Ahnung, was ich unseren Kindern erzählen soll. Oder natürlich ob. Mein Wissensstand ist, dass ich mit viel Glück dieses Jahr noch das letzte Weihnachten mit unserer Mama verbringen kann. Darf oder muss ich das den Kindern sagen?
Welche Qualen.
13.08.2016

 

 

 

Mama 17

Ich parke heute zum ersten Mal mit meiner Mutter auf einem Behindertenparkplatz.

20.08.2016

Mama 18

Meine Mutter stellt sich im Hospiz vor.

Wie ist das für sie? Ist das wieder eine von den Fragen auf die nur die Protagonisten antworten können? Dürfen?

Ich spüre mein Bewusstsein reifen. Es entwickeln sich durchaus ruhige Phasen, während derer ich in der Tat den Schritt heraus aus der Fiktion nehmen kann und mich beruhige. Das Leben als Spaß und großartiges Geschenk zu spüren.

01.09.2016

 

Mama 19

 

Gestern haben wir uns verabschiedet, meine Schwester und ich. Sie war wieder hier wegen Bürokram und Anträgen und Hospiz und wegen dem Sterben unserer Mutter. Sie hatte meine Nichte dabei über zwei Wochen. Gedacht war so eine Art Fare Well Tour, was sowieso nicht geht und auch tatsächlich im totalen Desaster endete. Meine Nichte ist wieder abgehauen, nach Hause.

 

Meine Schwester und ich haben uns dann im Auto ein wenig unterhalten, sie fing ab und zu an zu weinen. Ich am liebsten auch, ich hatte bloß gestern Abend die Schnauze mal wieder richtig voll vom Weinen und Nachdenken und vor der Angst und dem schlimmen Schmerz. Zwei Menschen mit derselben Mutter unterhalten sich über deren Tod. Ein Prozess, der tiefe Reife bringt, leider auch am Rande der Erträglichkeit. Es werden noch so viele Momente dieser Art kommen.

Und sie werden sehr viel fordern, sie werden den Beweis fordern für alle theoretischen und jämmerlichen Vorstellungsübungen des "Wenn Es Soweit Ist Gedankens". Ud man wird feststellen, dass ich recht habe darin, dass man sich eben nicht und nie auf diese und solche Situationen einstellen kann, da es nichts gibt, auf das man sich vorbereiten könnte. Dieses Ereignis wird erst noch hereinbrechen, eine Spekulation ist nicht möglich, ist vielleicht sogar auch repektlos.

Noch ein weiterer Gedanke, der mir während des Gesprächs in den Sinn kam: in genau 15 Tagen werde ich meinen Geburtstag Nummer 47 erleben. Zusammen mit meiner Mutter. Und es wird unser letzter Geburtstag sein. Die Nummer 48 werde ich dann ohne meine Mutter feiern.

Ich versuche auch heute, einen Tag danach wenigstens ansatzweise diese Tatsache in mein Denken hinein zu lassen und es gelingt mir nicht. Ich beginne zu weinen, starre auf meine Finger. Die eine oder andere Geschichte aus meiner Kindheit, was auch sonst, kommt auf die Seelenleinwand. So was macht die Sache dann besonders schlimm. Aber auch ruhiger, wie ich finde.

Ich würde den Scheiss mit dem Tod gerne ein wenig umdrehen, mehr von hinten wie von vorn. Sagen wir wie bei einem Kind auf dem Volksfest, das unbedingt ein Karussell fahren möchte. Es wünscht es sich so sehr und weiss auch, dass es nur eine Fahrt dauern wird, bis das Vergnügen zu Ende ist. Und dann steigt das Kind in das Karussell und fährt die wunderbare Fahrt im Wind, mit Gekreische, Lachen und unendlichem Vertrauen in sein Schicksal. Und wenn das Karussell zu bremsen beginnt, dämmert einem jeden Einzelnen die Endlichkeit. Und wenn dann die Gondeln gehalten haben und man aussteigt, dann geht der Eine mit wohliger Dankbarkeit nach Hause. Der Andere bettelt seine inzwischen zu Stein gewordenen Eltern hilflos und für immer verdammt um Kleingeld für die nächste Fahrt.

Wie feiert man seinen letzten Geburtstag zusammen mit seiner Mutter?

06.09.2016

 

Mama 20

Die Arme hat gestern, Samstag mittag abgerufen. Sie hat zwei neue Rezepte, die abgeholt werden müssen. Ich spüre Zorn, weil ich wieder in Anspruch genommen werde. Wenige Neuronen später könnte ich für diese Emotion vor lauter Wut töten. Ich hole die Rezepte und sie erzählt mir unaufgefordert, was sie selten tut. Von den letzten Nächten, in denen sie vor Schmerzen und wahrscheinlich nackter Angst nicht schlafen konnte. Tropfen sing gut, Blutbild OK, neue Tabletten mehr, alte weniger. Sie ist im Thema. Mich interessiert das komischerweise nicht. Hat es auch noch nie.

Der Arzt hat gesagt, er bringt demnächst eine Morphiumpumpe mit. Meine Mama sagt zu mir, sie hätte Angst davor damit dann zu müde zu werden.

In Wahrheit hat sie Angst davor, dass sich ihre Wurzeln von dieser Welt zu lösen beginnen.

Diese Zeilen zu schreiben tut so unendlich weh.

09.10.2016

 

Mama 21

 

Gestern zu dritt bei der Mama. Ihr Wunsch ist, möglichst bald ins Hospiz zu gehen. Wir haben das besprochen. Wie immer ist ihr Wunsch das Wichtigste, sie hat bisher immer gewusst, wo es lang geht. An sich dackeln wir mit unserem weltlichen Scheiss einfach nur hinterher.

Sie hat so viel Angst, will das vor uns nicht zeigen. Aber wir frieren, weil wir es spüren. Und sind stumm, weil die Mauern so dick sind.

Sie möchte sich mit Menschen unterhalten, die bald sterben werden.

31.10.2016

Mama 22

 

Ergebnis aus dem Hospiz. Hinter den Kulissen wurde bereits kommuniziert. Es macht den Anschein, als habe das Hospiz lediglich auf ihr Zeichen gewartet. Der nächste freie Platz wird der Ihre werden.

Wie fühlt es sich an, umzuziehen in ein Zimmer, das nur zum Sterben gebaut ist? In dem Menschen leben, im Wissen, dass es das letzte Nest ist? Wie sehr wartet man als junger Mensch auf seine erste eigene Wohnung, das erste Mal die Türe hinter sich schließen und wissen, hier darf keiner rein.

Meine Schwester und ich treffen uns nachher beim Photografen. Wir machen das letzte Photo von uns für unsere Mutter. Wie schaut man auf so einer Inszenierung?

31.10.2016

Mama 23

Hoffen-Wünsche-Realität. Es kommt natürlich wie nicht gewünscht. Das Hospiz ruft an, ein Platz ist frei.

Ich kann mich an diese Terminologie beim besten Willen nicht gewöhnen.

Die Mama wird angerufen, um darüber zu sprechen. Ob sie denn bereit ist, umziehen "möchte", wohl eher kann. Im Gespräch wird klar, dass es noch nicht soweit ist. Der Tod ist noch zu weit. Wie das Gespräch verlaufen ist, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, wie man so etwas feststellen oder entscheiden kann. Es ist auch eines der Dinge, die ich nicht mehr bedenken kann und will. Es ist zu viel.

Und weiter geht's: wir schaffen das schon, wir bekommen das hin. Weiter mit dem Dasein gegen Steine rennen. Bis der eigene Schädel einfach nur verschwindet und diese ganze Farce im Nichts verschwindet.

04.11.2016

Mama 24

 

 

Wir kommen heim vom Lidl, ich trage 300 Taschen mit einem Gesamtgewicht von 40 Tonnen .

"Immer muss ich alles schleppen!"

"Natürlich! Du bist gesund, stark und schön."

05.11.2016

Mama 25

Sie ist nun im Hospiz. All die Fetzen an Gedanken und Wirrungen beginnen, den Wind zu verlieren. Der Zug Richtung irgendwas ist angekommen. Kein Umsteigen mehr. Es gilt, die Koffer abzustellen und sich von der beschwerlichen Reise zu erholen. Und wir machen mit, jeder auf seine Art und Weise. Wellen ins Umfeld.

Als ich das erste Mal ihr letztes Zimmer betrete, ist es kurz vor 19.00 Uhr. Vor dem Nebenzimmer steht auf einem Tischchen eine brennende Kerze. Ich bin gelähmt, möchte den Vornamen des Menschen kennen, der hier vor meiner Mutter gestorben ist. Alles im Zimmer wehrt mich ab, wie zwei Magneten an den flaschen Stellen aneinander gehalten. Ich durchbreche das eine oder andere Hindernis. Ich benutze die Toilette, setze mich auf die Stühle. Vielleicht werde ich in einem dieser Sessel zusammen mit meiner Mutter sterben. Ich werde dann diesen Korbsessel mit nach Hause nehmen. Man kann den Tod hier nicht riechen oder sehen, dennoch suche ich danach. Eine Schwester unterhält sich mit uns. Sie lebt mit dem Tod und ich suche nach Vorteilen, die ihre Berufung im Unterschied zu mir geben könnte.

Alles im Heim ist frei, frei gestellt. Jeder kann kommen und gehen, wie er möchte und kann. Rauchen ist erst dann verboten, wenn man aus eigener Kraft die Kippe nicht mehr halten kann. Das hat es anscheinend wirklich schon gegeben. Bier ist reichlich vorhanden und gratis. Alles wird losgelassen. Vorschriften sind passe. Dies im realen Leben zu erreichen versuchen ist schonmal ein lohnenswertes Ziel.

Wir gehen gegen 20.00 Uhr. 

Am Eingang ist ein Kondolenzbuch nebst kleinem Teelicht. Sie brannte bei Betreten noch nicht. Ich werfe einen Blick in das Buch. Gestorben am 21.11.2016 um 19.00 Uhr. Im Zimmer neben meiner Mutter. Und wir lachten.

23.11.2016

Mama 26

Wir sitzen uns in den Stühlen gegenüber, von denen ich nach ihrem Tod einen mit nach Hause nehmen werde. Irgendwas muss ich ja mitnehmen. Irgendetwas physisches für länger. Danach.

Als ich eintrete erwische ich sie weinend. Ein Tiefpunkt, wie ich ihn bei ihr schon lange nicht mehr gesehen hatte. Wahrscheinlich geht das jeden Tag so, was sonst soll auch passieren. Mich erregt die Trivialität des Moments, denn es ist doch meine Mama, nicht eine von den Abertausenden, die heute und in alle Ewigkeit sterben werden. Trivialität war schon immer einer meiner Erzfeinde.

In solchen Momenten spüre ich die erdverbundene Kraft, die mich bald überfallen wird. Es ist derzeit ein ruhiger Staudamm im heißen Sommer, der seine Kraft protzend darbietet. Er ist sich seiner infernalen Kraft bewusst. Wahrscheinlich hat er sogar auch Mitleid mit denen, die geschunden werden. Er kann eben nicht anders, es ist seine Natur und die Einheit des Ganzen, die er repräsentieren muss. So wie jeder einzelne von uns. Ein Beispiel für den kindlichen Tanz des Lebens. Immer und immer wieder aufgeführt. Welche Show würde in der heutigen Zeit eine solch lange Zeit Interesse hervorrufen?

Ich fürchte, ein Wettlauf mit dem Weihnachtsfest beginnt.

Irre.

20.12.2016

 

Mama 27

Ich hasse ihre rosa Strickjacke.

Grobe Spitzen drin, sie sieht aus wie eine arme Frau, fast schäbig. Und ich denke mir in der Mittagspause von meiner Sinn entleerten Arbeit wie jede in unserer Zeit, in der eigentlich bereits die Roboter für uns arbeiten sollten, ich denke mir ich gehe einfach los und kaufe ihr eine neue Jacke. Und es war mir eine Freude ein paar Minuten mit offensichtlichen Kaufabsichten in der Abteilung für reife Frauen herum zu stöbern. In der Tat wurde ich fündig, eine in sattem bordeaux, ohne Kragen, aussen zwei aufgenähte Taschen in derselben Farbe, das Ganze nicht zu lang, aber auch nicht zu kurz. Umtauschen geht allemal und gekauft.

Im Sterbehaus warte ich ein paar Minuten und tue so, als wäre die rote Tüte, die ich mitbringe, nichts für sie.

Ich kann mir, denke ich gerade darüber nach, eigentlich nicht vorstellen, dass sie wirklich glaubte, es handele sich um irgendwas anderes, etwas, das wirklich nicht hierher gehörte. Wozu hätte ich denn dann bitte die Tüte extra hochtragen sollen und an den Kleiderhaken gleich links am Eingang in ihr Sterbezimmer hängen sollen?

Was soll's, es stimmt wohl. Sie hat sich eine klitzekleine Hoffnung gemacht, es könne irgendeine Überraschung sein. Und wenn es sein muss, dann eben unbewusst. Das macht die Geschichte um so geiler.

Auf jeden Fall fange ich an damit, ich hätte eine Sache an ihr mächtig satt und habe aus diesem Grund einen Austausch besorgt, gehe zur Tüte und gebe ihr die Strickjacke.

Die Zeit blieb stehen und ich konnte uns ein wenig retten und unsere ewigen Liebe strahlte aus dem Zimmer und aus dem Haus auf alle Lebenden und Toten und ich sah sie an und sie war so stolz auf sich und ihr Leben.

In dem Moment konnte kommen was wollte. Sie würde einfach nie sterben.

Nie.

Einfach nie.

12.01.2017

Mama 28

Mama 29