ultracrass

Ich bin einer von Euch

Ich fahre Auto. Biege links ab. Muss vorsichtig sein, da links ein geparkter Laster die Sicht versperrt. Biege ab und beschleunige, ich will aus der Kreuzung. Ein Radfahrer kommt mir entgegen, eine Tasche über die Schulter. Er sieht mich an, ich sehe ihn an. Ich spüre die Prophezeiung, hasse ihn im Augenblick sofort und innig. Der nächste Augenblick. Er winkt mir mit seinem linken Arm, bewegt ihn von unten nach oben, nur den Weg von unten bis zum Ellenbogen und zurück. Rauf und runter, rauf und runter. Er deutet mir an, ich solle nicht zu schnell fahren. Ich sehe auf den Tachometer. Ich fahre 42 km/h, erlaubt sind 40 km/h.
Um mich besser verstehen zu können, beschreibe ich diese Situation, die auf den ersten Blick hin so unglaublich langweilig wirkt. In mir aber wieder alle Dämme brechen läßt, alle versprochenen Vorhaben der Besserung zu Pulver malmt mit Wucht und Energie, die das Leben erst ermöglicht. Alle, alle meine Fragen über mein Dasein lassen sich in Szenen wie dieser aufhängen, ableiten. Ein Roman an Theorien, Fragen, Wut und Verzweiflung wohnt genau dieser Szene inne. Ich frage mich, ob andere Menschen Gleiches sagen können. Ob es irgendjemanden gibt, der so empfindet wie ich. Und wie das wäre, sprächen wir darüber miteinander.
Es ist als erstes die Geste als solche. Sie hat etwas belehrendes, sie setzt ein größeres Maß an Wissen um das Leben sn sich voraus für denjenigen, der winkt.
Er muß seine Erfahrung und sein Wissen weitergeben. Weitergeben an Menschen, die es eben nicht wissen. Oder aber an die, es wissen, und die man erziehen muß. Dieser Mensch setzt auch voraus, geht selbstverständlich ohne Reflexion davon aus, daß er in der Position ist, den Anderen etwas zu sagen, etwas zur Ausführung zu überlassen. Dieser Mensch wird den Kontakt mit mir vorübergehen lassen, und zufrieden sein. Er wird nicht denken, “dem habe er jetzt aber gezeigt, wo es langgeht”.
Diese seiner Meinung nach niedere Stufe der Erkenntnis hat er längst verlassen. Nein, er wird zufrieden sein mit seiner umsichtigen Geste, die nicht zu bestimmt und aufdringlich, sondern freundlich erklärend, sanft hinweisend, aber dennoch mit Bestimmtheit und Souveränität dargebracht wurde.
Alles in allem fühlt er sich in seiner Stadt gut aufgehoben, was den Straßenverkehr angeht. Viel hat sich verbessert. Spielstraßen, Fahrradwege, 30ger Zonen. Viel besser als noch vor Jahren. Dennoch gibt es immer noch ein paar junge Männer, denen man deutlich zeigen muß, daß sie noch viel lernen müssen. Und daß sie außerdem ihr Fahrzeug, für das sich der winkende Mann, also dieses Arschloch, den rechten Arm abhacken liesse, würde er es geschenkt bekommen, sowieso nicht unter Kontrolle haben können, sollte es zu einer brenzligen Situation kommen. Woher auch, sie sind ja noch jung, die Erfahrung kommt mit den Jahren. Wie viele dutzende solcher Beispiele lassen sich den ganzen Tag über entdecken!
Wie kommt dieser Mensch dazu, mir seinen Dreck anzubieten, mir meine Laune damit zu verderben. Warum ist dieser Idiot nicht fähig, seine geistige Reife voranzubringen? Er ist in der Entwicklung seines Wesens irgendwann einmal einfach stehen geblieben. Er hat aufgehört, zu fragen. Es war einfach der Zeitpunkt gekommen, als klar war, daß er nun fertig ist. Alles, was zu diesem Zeitpunkt gespeichert ist, alle Gesten, alle Antworten, alle Scheisswitze, alles politische Denken, alles über die Liebe, alles zum Thema Tod, wirklich alles ist geschrieben. Dieser Snapshot, der irgendwann genommen wurde, ist der Fixpunkt seines Lebens. Ich vermute, er kommt nicht einmal auf die Idee, hat nicht einmal ein brennendes inneres Bedürfnis, weiter zu fragen. Es gibt keine weiteren Fragen. Natürlich auch keine einzige Antwort.
Er hat sich noch nie nach einer solchen Aktion Gedanken darüber gemacht, ob er sich lächerlich macht. Dem gegenüber eigentlich klar und deutlich zu verstehen gibt, daß er eine jämmerliche Existenz darstellt. Eine Offenbarung für alle. Keine Gedanken darüber, ob der Fahrer, den er zurechtweisen muß, vielleicht ein Mensch ist, der mehr auf dem Kasten hat als er. Daß er selbst von anderen Menschen sogar etwas lernen kann, andere, neue Einsichten gewinnt. Verstehen und Fragen lernt. All das ist nicht nur vollkommen fremd. Der Motor ist längst aus, es geht nur um Vegetation. Kein Kampf mehr. Es ist die gerade Linie, ohne Wind oder Reibung. Maximal durchsichtig, Futter für alles. Er ist das Ziel des Systems. Süß und wohlig ergeht er sich im Verstehen und vermeindlichen Lenken, ohne Wissen darüber, daß sein Cockpit nur eine Attrappe ist. Die Zeit wird einfach abgelebt.
Gegen diesen Status, gegen diese Entwicklung anzukämpfen ist eine Herausforderung. Eine, die viel Disziplin erfordert, viele und manchmal schmerzhafte Eingeständnisse. Es gibt zu Lachen und Weinen auf dem Weg. Aber man muss gegen den Wind steuern. Man darf sich nicht verführen lassen, auch wenn die Versprechung so süß ist. Für den Preis der Selbstaufgabe, der Offenbarung, der Aufgabe seiner Authentizität, der Verneinung der Frage, ob man ein eigenverantwortliches und authentisches Leben führen möchte, gelangt man an das von fremden definierte Ziel, das sich je nach Marktlage und Aktienkurs ändert. Dem dann aber auch stramm, wenn eingeimpft, in die andere Richtung hinterher marschiert wird.
Jeder, der darüber nachdenkt, wie man das ändern kann verschwendet seine Zeit.
Und ach, ich bin einer von ihnen.

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